Das Projekt

Ziele

Das Projekt verfolgt zwei übergeordnete Ziele:

  1. Auf disziplintheoretischer Ebene zielt das Projekt darauf ab, innergeographische Strukturen offenzulegen und vor dem Hintergrund disziplinärer Selbstentwürfe, Disziplintheorien und -traditionen zu reflektieren. Die fachinternen disziplintheoretischen und -politischen Diskussionen über die Einheit und den innerdisziplinären Zusammenhang der Geographie werden erstmals auf eine belastbare empirische Basis gestellt. Es geht darum, die geographische Einheitsrhetorik und den Brückenfachanspruch auf den empirischen Prüfstein zu stellen.
  2. Auf der allgemeinen wissenschaftstheoretischen Ebene will das Projekt aus der Perspektive der netzwerkanalytischen und bibliometrischen Wissenschaftsforschung einen empirischen Beitrag zu den Diskussionen über die Einheit der Wissenschaft und die Praxis interdisziplinären Arbeitens leisten. Aufgrund des disziplinären Selbstverständnisses der Geographie als „integrierendes Synthesefach“ und ihrer besonderen institutionellen Stellung innerhalb des Wissenschaftssystems (als Natur- und Geisteswissenschaft) bietet es sich an, die Geographie als einen disziplinären Mikrokosmos zu begreifen, anhand dessen die übergeordnete Fragestellung nach der Vereinbarkeit natur- und geisteswissenschaftlichen Denkens und Forschens in einem methodisch handhabbaren Rahmen bearbeitet werden kann. Dieses Projekt zielt demnach darauf ab, die abstrakte wissenschaftstheoretische Diskussion um die inhaltliche Integration der Wissenschaften am Beispiel der Geographie empirisch zu konkretisieren und zu veranschaulichen.

Exemplarisch wird die deutschsprachige Geographie (in Deutschland, Österreich und der Schweiz) in den Blick genommen.


Leitfragen

Indem wir die beliebte Verlegenheitsformel „Geography is what geographers do“ (Parkins 1935) ernst nehmen, rücken wir die geographische Forschungspraxis in den Fokus. Vor dem innerdisziplinären Hintergrund von geographischer Einheitsrhetorik, Brückenfachanspruch und der formelhaften Forderung nach „innerdisziplinärer Interdisziplinarität“ (Daschkeit 2000) auf der einen sowie der aktuellen disziplinübergreifenden Revitalisierung der Mensch-Umwelt-Forschung auf der anderen Seite fragen wir: What do Geographers actually do? Wie praktizieren Geographen die disziplinäre Einheit, und wie verbinden sie in ihrer Forschung Natur- und Geisteswissenschaft? Inwiefern (und warum) überbrücken sie?

Folgende Fragestellungen leiten das Forschungsvorhaben:

Leitfrage LF1

Wie konstituiert sich die disziplinäre Struktur in der geographischen Forschungspraxis im Hinblick auf die Einheitsfrage?

  1. Wie formieren sich die innerdisziplinären Brüche zwischen den natur- und geisteswissenschaftlichen Teildisziplinen (Humangeographie / Physische Geographie) in der Forschungspraxis?
  2. Wie formieren sich die Brücken zwischen den natur- und geisteswissenschaftlichen Teildisziplinen (Humangeographie / Physische Geographie) in der Forschungspraxis? Gibt es in (Teilen) der Geographie eine gelebte integrative Idee, die sich in praktischen Brückenschlägen ausdrückt?

Leitfrage LF2

Wie konstituiert sich die Einheit der Geographie auf der Ebene der Akteure (Wissenschaftler) und ihrer Forschungspraxis?

  1. Welche Akteure sind als Forscher die tragenden personellen „Säulen der Einheit“ und fungieren durch ihre Forschungspraxis als „Brücken-Köpfe“?
  2. Welche Positionen haben diese Brücken-Akteure innerhalb des Gesamtgefüges? Wie sind sie topologisch innerhalb der Struktur verortet?

Leitfrage LF3

Welche Themengebiete sind als „Brückenthemen“ (Schnittstellen) zwischen Humangeographie und Physischer Geographie zu beobachten?

Leitfrage LF4

Warum und in welchen inhaltlichen Zusammenhängen wird „überbrückt“? Lassen sich verschiedene Funktionen des „Brückenschlagens“ unterscheiden?


Forschungsdesign

Das Projekt stellt eine szientographische Studie dar, die unter Anwendung quantitativer wie qualitativer Methoden die geographische Forschungspraxis analysiert. Das Projekt geht von der Prämisse aus, dass sich die Forschungspraxis in der Publikationspraxis und somit in wissenschaftlichen Texten widerspiegelt.

Für die Untersuchungen wurde ein gekoppeltes empirisches Design entworfen, bestehend aus verschiedenen bibliometrischen, netzwerkanalytischen und inhaltsanalytischen Komponenten. Drei methodische Bausteine werden gemäß den Leitfragen schrittweise miteinander und aufeinander aufbauend kombiniert:

Komponente I: Bibliometrische Netzwerkanalyse

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Die erste methodische Komponente ist eine umfangreiche bibliometrische Netzwerkanalyse. Sie ist der Grundstein der Untersuchung und gleichzeitig der Ausgangspunkt für weiterführende Analysen (siehe Komponenten II und III).

Konkret handelt es sich um das Zitierverhalten in der Geographie. Aus der Analyse eines „Wer zitiert wen?“ sollen Erkenntnisse über teildisziplinübergreifende inhaltliche Bezugnahmen zwischen Physischer Geographie und Humangeographie gewonnen werden, um einerseits die Brüche und Brücken innerhalb der disziplinären Struktur sichtbar zu machen (-> Leitfragen 1a und 1b) und um andererseits die „Brückenakteure“ (-> Leitfrage 2a) zu identifizieren und deren Position innerhalb des Wissensnetzes (->Leitfrage 2b) zu analysieren.

Untersucht werden Zitationsbeziehungen innerhalb der Gruppe der geographischen Hochschullehrer an den ca. 70 geographischen Instituten (Fachbereiche, Fachgebiete) an Universitäten im deutschsprachigen Raum (D-A-CH). Die Datengrundlage bieten die aktuellen 10 Jahrgänge von 20 geographischen Fachzeitschriften (Die Erde, Geographica Helvetica, Erdkunde, Geogr. Rundschau, Mitteilung der Österr. Geogr. Gesellschaft, Berichte zur deutschen Landeskunde, GAIA, Geographische Zeitschrift, Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, Geographische Revue, Zeitschrift für Geomorphologie, geo-öko, Geographie und Schule, Praxis Geographie, geographie heute, Geographie und ihre Didaktik, STANDORT, Raumforschung und Raumordnung, Informationen zur Raumentwicklung, Raum).

Komponente II: Inhaltsanalyse von „Brückentexten“

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Auf den Ergebnissen der bibliometrischen Netzwerkanalyse aufbauend werden im nächsten empirischen Schritt inhaltlich-thematische Aspekte der Forschungspraxis in den Blick genommen. Ziel ist es, jene geographischen Forschungsthemen herauszuarbeiten, in denen sich verstärkt teildisziplinübergreifende Bezugnahmen beobachten lassen (-> Leitfrage 3).

Untersucht werden die zuvor über die Netzwerkanalyse identifizierten „Brückentexte“. Darunter verstehen wir solche Zeitschriftenartikel, in denen sich Zitationsbeziehungen zwischen den Teildisziplinen Humangeographie und Physische Geographie finden, also Texte, in denen ein Vertreter einer Teildisziplin einen Vertreter der jeweils anderen Teildisziplin zitiert. Die Brückentexte werden thematisch kategorisiert, um „Schnittstellen-/Brückenthemen“ zu identifizieren. Der Fokus der Auswertung richtet sich dabei auf die in den Brückentexten behandelten Forschungsthemen. Die Inhaltsanalyse zielt demnach auf eine Explikation und Strukturierung jener Forschungsthemen, in denen sich teildisziplinübergreifende Zitationsbeziehungen finden lassen.

Komponente III: „Brückenzitate“

Nach der inhaltlich-thematischen Kategorisierung der Brückentexte sowie der Identifizierung der Brückenthemen widmet sich die Untersuchung den Zitaten selbst. In diesem dritten Analyseschritt geht es um eine inhaltlich-funktionale Kategorisierung von „Brückenzitaten“. Im Mittelpunkt steht die Beantwortung der Frage, warum und wie überbrückt wird; es geht also um die textliche Funktion der Brückenzitate (-> Leitfrage 4).

Untersucht werden sowohl die innerdisziplinären als auch die interdisziplinären Brückenzitate. Unter innerdisziplinären „Brückenzitaten“ verstehen wir zitative Bezugnahmen zwischen zwei Autoren aus unterschiedlichen geographischen Teildisziplinen (Humangeographie oder Physische Geographie). Interdiziplinäre Brückenzitate sind hingegen Zitationen von Geographen, welche die Trennlinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaft durch den Rekurs auf einen Autor außerhalb der Geographie überbrücken.

Im Sinne einer Heuristik gehen wir derzeit davon aus, dass sich hinsichtlich der inhaltlichen Bezüge folgende Arten von Brückenzitaten als vorläufige Kategorien unterscheiden lassen:

  1. Methodologie/Methodik: Verweise im Kontext der Darstellung oder Diskussion der gewählten Methodik
  2. Theorieperspektive: Verweise im Kontext der Darstellung oder Diskussion der gewählten theoretischen Perspektive
  3. Gegenstandsbezug: Verweise auf Texte, die sich mit dem gleichen oder einem ähnlichen inhaltlichen Forschungsgegenstand auseinandersetzen
  4. Regionalbezug (Untersuchungsraum): Verweise auf Texte, die den gleichen Raum- bzw. Regionalbezug aufweisen
  5. Disziplintheorie/Wissenschaftstheorie: Verweise auf Texte zur disziplinären bzw. wissenschaftlichen Selbstreflexion

Um die Frage nach der Funktion des Brückenschlagens zu untersuchen, werden die textlichen Verweise im Hinblick auf diese Zitationskategorien inhaltsanalytisch erfasst, codiert und in Bezug auf ihre inhaltlich-funktionale Bedeutung ausgewertet.


Weiterführende Ziele

Neben den direkt projektbezogenen Zielen (s.o.) strebt das Projekt dezidiert an, komparative Anschlussforschungen zu ermöglichen: Mit der Durchführung des Forschungsvorhabens werden umfangreiche qualitative und quantitative Forschungsdaten produziert und zusammengetragen. Soweit technisch und forschungsethisch möglich, werden die erhobenen Primärdaten über diese Homepage öffentlich zugänglich gemacht, um sie für weitergehende international, interdisziplinär oder historisch vergleichende Forschungsarbeiten anderer Wissenschaftler zur Verfügung zu stellen.